Wer möchte ich gewesen sein?

Nachruf auf mich selbst

Ich möchte, dass in meinem Nachruf steht: Sie war ein Mensch der, wenn sie A sagte, auch den Mut hatte B zu hinterfragen und damit dem Leben Spielraum zu geben.

Aber eigentlich schreiben wir Nachrufe als Würdigung des Lebens von verstorbenen Menschen. Was wäre nun aber, wenn wir schon zu Lebzeiten einen Nachruf auf unser noch zu lebendes Leben schreiben würden? Was sollte darin über das Leben stehen, das Sie noch vor sich haben? Vielleicht würden Sie von den Dingen erzählen, die Sie tief berühren, von Ängsten, die Sie bestimmen, von Momenten, in denen Sie aus Gewohnheiten ausbrechen, und von dem, was Sie das Leben in seiner ganzen Lebendigkeit spüren lässt. Der Soziologe Harald Welzer hat ein wunderbares kleines Büchlein dazu geschrieben, worin er aufzeigt, wie wichtig es ist, das eigene Leben vom Ende her zu betrachten, um destruktive gesellschaftliche Gewohnheiten zu stoppen.

Diese kleine Übung, einen Nachruf oder auch eine eigene Grabrede zu schreiben, wird in der Psychologie verwendet, um den eigenen «Autopiloten» des Alltags zu unterbrechen und den Raum für die Gegenwart zu öffnen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit kann unseren Blick für das Wesentliche schärfen und wie ein Brennglas wirken, unter dessen Linse das Wesentliche sichtbar wird.

Denn oftmals ist unser Leben ausgerichtet darauf, etwas zu werden, ein Ziel zu erreichen und das Leben wird zur To-Do-Liste. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, dass wir versuchen, durch Effizienz mehr Welt „verfügbar“ zu machen. Die To-Do-Liste ist der Versuch, Zeit zu kontrollieren. Das Resultat ist jedoch Entfremdung: Wir erleben die Dinge nicht mehr, wir arbeiten sie nur noch ab und erhalten keine Resonanz. So schön auf der einen Seite die Erfahrung ist, wenn man etwas geleistet hat, so wichtig ist die Erfahrung der Unverfügbarkeit. Unverfügbarkeit beschreibt alles in der Welt und im Leben, das sich nicht herstellen, erzwingen, planen oder vollständig kontrollieren lässt. Unverfügbare Momente entstehen, wenn wir erste Schritte eines neuen Weges wagen, weitere Seiten an uns entdecken, uns auf etwas Neues einlassen oder wenn uns ein Vorhaben gelingt.

Zugegeben, in den Nebeln des Novembergraus ist die Erinnerung an diesen endlosen Sommer, mit unendlich langen Tagen am See, Wind in den Haaren, voller Hängematten-Konversationen, weit weg. Vielleicht ist noch dieses ferne Gefühl von Leichtigkeit und Wärme auf der Haut spürbar, wo man viel im Aussen ist. Nun, nach diesem warmen Sommer des Lebens, ziehen wir uns im Herbst zurück in unser Zuhause und gegen den Winter kommen wir auch wieder mehr ins Innen – zu uns. Diesem natürlichen Zyklus können auch wir folgen und uns Zeit nehmen. Zeit zum Durchatmen. Zeit zum Sein.

Neben der Vorstellung vom Leben als Linie mit klarem Anfang, Fokus auf der nächsten Stufe und Ende, wird uns durch die Natur das zyklische Empfinden vorgelebt, vom Leben als Kreislauf. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Präsenz, Schmerz und Schwierigkeiten ist nichts für leichte Sommertage, sondern fordert uns. Wir sind nun mal keine Hummer, die ein Leben führen, das sich nur auf Essen und Schlafen beschränkt, wie es die sokratische Idee spiegelt. Sokrates betonte, dass wir vernunftbegabte Wesen sind, die nach mehr streben. Da wir jedoch so viel wollen und können, gehört auch das Gefühl des Bedauerns als Begleitmelodie zu unserem Leben dazu. Sich diesen Herausforderungen zu stellen, braucht Mut. Doch was ist die Alternative? Aus Angst, später zu bereuen, nicht den eigenen Weg gegangen und nicht selbst entschieden zu haben?

Am Ende geht es nicht einfach um ein «Happy Life», sondern darum, uns in der Tiefe zu fragen, welches Leben wir führen wollen und welcher Mensch wir gewesen sein möchten. Hier hilft uns das Brennglas der Endlichkeit. Und obwohl wir wissen, dass 100 % aller menschlichen Wesen im Verlauf ihres Lebens einmal sterben, scheint es mir oftmals, als wäre es uns lieber, wenn die Themen Sterben und Tod vor der Tür blieben. Aber ist Sterben immer ein Übel? Ohne Frage: Diese Gedanken rund um unsere Endlichkeit stören unser Lebensgefühl des glücklichen Lebens, sie bedrohen es. Weil wir an diesem Leben, an der Beziehung zu anderen hängen, hadert der Mensch mit seiner Vergänglichkeit. Doch gleichzeitig zwingt uns die Kürze zur Einsicht, dass wir unser Leben gestalten dürfen und vielleicht würde selbst das beste Leben auf lange Dauer langweilig.

In christlicher Perspektive und inspiriert durch die Dialogphilosophie von Martin Buber, vertraue ich darauf, dass alles Leben Begegnung ist. Wir werden am Du zum Ich. In der Begegnung – im gemeinsamen Freuen ebenso wie im gemeinsamen Aushalten von Leid und Trauer – wird erfahrbar, dass da etwas ist, das uns bewegt und trägt. Etwas, auf das wir hoffen und dem wir im Leben und im Sterben vertrauen können. Diese Erfahrung mit der göttlichen Geisteskraft ist erlebbar in Beziehungen, in der Liebe zu Menschen und zu der Wirklichkeit um uns herum. Im Raum der unmittelbaren Begegnung des Ich und Du, des «Dazwischen» schneiden sich die verlängerten Beziehungen im ewigen Du. Du, stille Gegenwart, die uns verbindet.

Sabine Hofer, Pfarrvikarin in Spiez, Pfarramt Faulensee

EndlichRaum

Das Leben ist endlich. Das Ende menschlich. Hoffentlich.

Im Rahmen der endlich-menschlich-Woche zum Leben mit dem Tod engagieren sich Sabine Hofer und die Psychiaterin, Esther Pauchard mit Ihrem Projekt «EndlichRaum».

Wir bieten für erwachsene Kinder und ihre älter werdenden Eltern und alle, die wissen möchten, welche Träume noch ungesagt geblieben sind ein Walk-In-Angebot mit Kurzreferaten sowie vertrauliche Einzelgespräche für Familien oder generell sich nahestehenden Menschen. Weitere Informationen unter: www.die-woche.endlich-menschlich.ch/bern/endlichraum

Nach der Aktionswoche vom 24. Oktober bis 1. November 2026 in Bern, möchten wir das Angebot ins Berner Oberland bringen. Bei Interesse melden Sie sich gerne unter: hallo@endlichraum.ch

Die 6 grossen Lebensfragen

Predigtreihe von Sabine Hofer in der Kirche Faulensee.

Die nächsten beiden Termine:
Samstag, 21.11.26, 17:00 Uhr - Was passiert nach dem Tod?
Oder was die Frage nach dem Tod mit dem eigenen Leben zu tun hat.
Sonntag, 13.12.26, 10:00 Uhr - Wo ist Gott?
Oder warum alles Leben Begegnung ist und wir am Du zum Ich werden.

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